Gravel-EM Houffalize: Was Coach Noah aus dem Rennen für euer Gravel-Training mitnimmt
Europameisterschaft im Nationaltrikot, 140 Kilometer durch die belgischen Ardennen und ein Kurs, der technisch anspruchsvoll und gleichzeitig extrem schnell war. Die Gravel-EM in Houffalize war für unseren Coach Noah, Gravelspezialist in unserem Team, nicht nur ein besonderes Rennen, sondern auch eine wertvolle Erfahrung aus Sicht des Trainings und der Rennvorbereitung. In diesem Blogartikel berichtet Noah aus erster Hand, welche Erkenntnisse aus dem EM-Renntag direkt in unser Gravel Coaching einfließen.
Der Kurs: 140 Kilometer, 2.200 Höhenmeter und viele kurze, steile Anstiege
Am Freitag in Houffalize angekommen und zunächst die Strecke angeschaut. Trotz Vorbereitung war ich überrascht, wie hügelig der Kurs tatsächlich war.
Offiziell standen knapp 140 Kilometer und rund 2.200 Höhenmeter auf dem Programm. Je nach Messung und GPS-Gerät auch etwas mehr. Entscheidend war jedoch weniger die absolute Zahl der Höhenmeter als deren Verteilung. Viele kurze und teilweise sehr steile Anstiege wechselten sich mit schnellen Gravelpassagen, technischen Abfahrten und Waldwegen ab. Der Kurs war damit eine anspruchsvolle Mischung aus Ausdauer, Kletterfähigkeit, Technik, Renntaktik und ein gutes Beispiel dafür, warum gezieltes Graveltraining wichtiger ist, als möglichst viele Kilometer zu sammeln.
Der Start: Das Rennen beginnt sofort
Am Sonntag ging es direkt zur Sache. Schon der Startanstieg, die Côte de Saint-Roch, hatte es in sich. Etwa einen Kilometer lang, im Schnitt rund 11 Prozent Steigung, mit deutlich steileren Passagen.
Aus Coaching-Sicht sind solche Starts besonders interessant. Denn man kann sich noch so gut auf 140 Kilometer vorbereiten, wer die ersten Minuten komplett über den eigenen Möglichkeiten fährt, spürt das später deutlich. Gleichzeitig darf man in einem Elite-Feld nicht einfach das eigene Tempo fahren und hoffen, dass alles passt. Position im Feld, erste Selektionen und Gruppengeschwindigkeit spielen eine entscheidende Rolle. Die Kunst besteht darin, zwischen der notwendigen Intensität am Anfang und der Belastbarkeit über die gesamte Renndistanz zu balancieren. Mir gelang es, nach dem harten Start zunehmend meinen eigenen Rhythmus zu finden.
Renneinteilung im Gravelrennen: Nicht jede Attacke musst du mitgehen
Ein zentraler Punkt, den ich aus Houffalize mitnehme, ist die Bedeutung der individuellen Renneinteilung. Auf einem solchen Kurs gibt es permanent Situationen, in denen man schneller fahren könnte. Ein Fahrer attackiert am Anstieg, die Gruppe beschleunigt auf einem Gravelstück, vor einer technischen Passage wird um Positionen gekämpft. Die Versuchung, jede dieser Bewegungen mitzugehen, ist groß.
Gerade bei einem Rennen über mehrere Stunden muss man jedoch lernen, zwischen entscheidenden Belastungen und unnötigem Energieverbrauch zu unterscheiden. Dieses Prinzip spielt auch in unserem Coaching-Alltag immer wieder eine große Rolle. Nicht jede maximale Leistung ist automatisch eine gute Leistung. Es geht darum, die verfügbare Energie dort einzusetzen, wo sie einen Unterschied macht. Im Training bedeutet das, unterschiedliche Belastungsformen gezielt zu kombinieren mit längeren Schwellenbelastungen, kurze VO2max-Intervalle, wiederholte Antritte und lange Ausdauerfahrten. Genau die Mischung, die ein Gravelkurs wie in Houffalize erfordert.
Techniktraining im Gravelsport: Ein unterschätzter Erfolgsfaktor
Eine weitere Erkenntnis aus dem Rennen, technisches Fahren wird im Gravelsport immer wichtiger. Der Kurs war schnell, verlangte aber an vielen Stellen konzentriertes und sauberes Fahren. Kurven, wechselnde Untergründe, Abfahrten und enge Passagen kosten nicht unbedingt unmittelbar körperliche Energie, sie verlangen aber Konzentration und eine gute Radbeherrschung.
Auch hier gilt: Technik ist trainierbar. Wer eine Abfahrt sauber und mit höherem Speed fährt, ohne unnötig zu bremsen oder hektisch zu werden, spart nicht nur Zeit, sondern kommt oft auch mit weniger Aufwand durch die Passage. Für ein gravelorientiertes Training bedeutet das, Techniktraining sollte kein Zusatzprogramm sein, sondern fester Bestandteil der Vorbereitung. Gerade bei langen Rennen entscheidet am Ende nicht nur die maximale Wattleistung, sondern wie effizient diese Leistung über mehrere Stunden eingesetzt wird.
Die zweite Runde: Wenn der Körper klare Signale sendet
In der zweiten Runde hatte ich mit Rückenschmerzen zu kämpfen, nichts Dramatisches, aber ein Signal, das man bei einem langen Rennen nicht ignorieren sollte. Ein Rennen läuft selten exakt so, wie man es sich vorher vorstellt. Man kann Ernährung, Leistung und Strecke planen, am Renntag kommen trotzdem Faktoren hinzu, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen.
Deshalb gehört zu gutem Coaching auch, Athletinnen und Athleten nicht nur auf die optimale Leistung vorzubereiten, sondern auf den Umgang mit genau solchen Situationen. Was mache ich, wenn die Beine schlechter sind als erwartet? Wie gehe ich mit Schmerzen oder Müdigkeit um? Wann lohnt es sich, Tempo herauszunehmen, um später wieder stärker zu fahren? Diese Entscheidungen lernt man nicht auf dem Papier, sondern durch Training und Wettkampferfahrung.
Durchfahren statt Aufgeben
Am Ende war ich vor allem froh, das Rennen durchgefahren zu haben. Natürlich gibt es bei einer Europameisterschaft sportliche Ziele und natürlich möchte man sich mit den anderen Fahrern messen. Aber nicht jedes Rennen lässt sich ausschließlich über das Ergebnis bewerten.
Houffalize war für mich vor allem eine wichtige Standortbestimmung. Wie fühlt sich ein internationales Elite-Feld an? Wie schnell können solche Rennen werden? Und wie wichtig ist es, auch unter hoher Belastung ruhig zu bleiben und das eigene Rennen zu fahren? Und dann ist da noch der emotionale Faktor. Im Nationalmannschaftstrikot bei einer Europameisterschaft an der Startlinie zu stehen, war eine besondere Erfahrung, ein Moment, den man mitnimmt.
Was ich aus Houffalize für unser Gravel Coaching mitnehme
Rennen wie die Gravel-EM sind gleichzeitig die beste Form der Praxis. Sie zeigen, welche Fähigkeiten im Training wirklich relevant sind:
- Eine solide aerobe Basis – Lange Gravelrennen werden nicht durch eine einzelne harte Minute entschieden. Die Fähigkeit, über mehrere Stunden eine hohe Leistung zu halten, ist die Grundlage.
- Wiederholte harte Belastungen – Kurze, steile Anstiege sorgen dafür, dass man immer wieder deutlich über die Schwelle gehen muss. Diese Belastungen müssen gezielt trainiert werden.
- Effiziente Renneinteilung – Nicht jede Attacke muss mitgefahren werden. Wer seine Energie intelligent einsetzt, hat im letzten Drittel des Rennens oft einen entscheidenden Vorteil.
- Technik und Radbeherrschung – Auf technischem Gravel können gute Linienwahl und sauberes Fahren genauso wichtig sein wie zusätzliche Watt.
- Mentale Belastbarkeit – Lange Rennen werden irgendwann unbequem. Dann entscheidet sich, wer konzentriert und lösungsorientiert bleibt.
Genau diese Kombination macht für uns gutes Rad Coaching aus: Training sollte nicht nur einzelne Leistungswerte verbessern, sondern Athletinnen und Athleten gezielt auf die Realität des Rennens vorbereiten.
Fazit
Die Europameisterschaft in Houffalize war für mich mehr als ein Rennen über 140 Kilometer. Es war eine Standortbestimmung, eine große Erfahrung und gleichzeitig eine Erinnerung daran, warum er diesen Sport so gerne ausübt. Harte Anstiege, schnelle Gravelpassagen, technische Abfahrten, ein internationales Elite-Feld und am Ende ein langer Tag auf dem Rad.
Genau solche Erfahrungen fließen auch in unsere Arbeit als Coaches ein. Was auf dem Trainingsplan steht, muss am Ende draußen auf der Straße funktionieren. Denn darum geht es beim Coaching, nicht einfach nur fitter zu werden, sondern gezielt die Fähigkeiten zu entwickeln, die im Rennen wirklich zählen.
Sportliche Grüße,
Noah
Interesse an individuellem Gravel Coaching mit Noah? Melden Euch gerne bei uns, wir zeigen, wie ein Trainingsplan aussehen kann, der dich optimal auf dein nächstes Gravelrennen vorbereitet.