227 Kilometer, 5.500 Höhenmeter: Meine Ötztaler-Runde

227 Kilometer, 5.500 Höhenmeter: Meine Ötztaler-Runde 2026

Am Wochenende vor dem großen Rennen bin ich die komplette Ötztaler Radmarathon-Strecke im normalen Straßenverkehr abgefahren. 227 Kilometer, 5.500 Höhenmeter, vier Pässe. Für mich ist das mittlerweile fester Bestandteil der Vorbereitung. Zum einen, um die eigene Form auf dieser besonderen Strecke zu testen, zum anderen, um unseren Athletinnen und Athleten beim gemeinsamen Treffen am Freitag die aktuellsten Informationen zur Streckensituation mitgeben zu können. Hier ist mein Bericht.

Vorbelastung am Vortag mit kurzen Intervallen bei 95%
Racefueling.

Der Start: Dunkelheit über Sölden

Kurz nach sechs Uhr morgens ging es los. Beim Frühstück war es draußen noch tiefschwarze Nacht, man fragt sich in diesem Moment unweigerlich, was der Tag wohl bringen wird. Zügig ging es durch Sölden und hinunter in Richtung Ötz. Auf der Straße war einiges los, glücklicherweise vor allem auf der Gegenfahrbahn: Talauswärts war kaum Verkehr, dafür taleinwärts umso mehr, ganze Fahrzeugkolonnen von Bauarbeitern und Pendlern auf dem Weg zur Arbeit.

Kühtai: Ruhige Auffahrt, tierische Gesellschaft

Bei kühlen Temperaturen ging es die Abfahrt hinunter bis Ötz und direkt hinein in den Anstieg zum Kühtai. Auffällig im Vergleich zu den Vorjahren, es war kein einziger anderer Radfahrer unterwegs, oben erwarteten mich nur die Kühe. Die Auffahrt selbst ließ sich mit Windweste und Armlingen gut fahren, das Pacing passte von Anfang an, und insgesamt fühlte sich dieser erste Teil der Strecke richtig gut an.

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichte ich den großen Stausee am Kühtai, eine wirklich beeindruckende Atmosphäre, die ich bewusst genossen habe. Am Brunnen wurden die Trinkflaschen aufgefüllt, bevor es in die schnelle, rasante Abfahrt ging.

Wer die Strecke kennt, weiß: Kurz nach den Galerien erreicht man Topspeed. Diesmal standen dort ausgerechnet zwei Pferde mitten auf der Straße. Eine kräftige Vollbremsung war die Folge. Eine gute Erinnerung daran, dass man am Kühtai jederzeit mit Tieren rechnen muss, seien es Kühe oder eben auch mal scharfe Pferde. Über St. Sigmund und Gries im Sellrain ging es weiter, bevor in Kematen der Abzweig ins Inntal Richtung Innsbruck folgte.

Die Sonne kam auch raus.
Stabil hochgekurbelt.
Kühtai auf 2020m.
Brunnen-Stopp und weiter.

Durch Innsbruck: Mehr Tempo als geplant

Der Weg durchs Inntal und durch Innsbruck war deutlich stressiger als erwartet. Der dichte Verkehr und der Trubel in der Stadt sorgten dafür, dass ich spürbar über meinen ursprünglichen Wattvorgaben unterwegs war. Das war nicht geplant, aber der Verkehrssituation geschuldet.

Der Brenner: Gegenwind und Hitze als Gegner

Anstieg Nummer zwei, der Brenner, forderte mich von Beginn an. Im kurvigeren Anfangsbereich ließ sich das eigene Tempo noch gut kontrollieren, der starke Gegenwind war kaum spürbar. Richtung Matrei änderte sich das jedoch schlagartig: brutaler Gegenwind von vorn, teilweise nicht mehr als 20 km/h trotz 250 bis 260 Watt auf der Uhr. Vorbei am Brennerbasistunnel und der großen Baustelle in Lueg am Brenner, wo die Brennerstraße derzeit erweitert wird, ging es bis zum Ort Brenner.

Neben dem Wind machte vor allem die Hitze zu schaffen. Über 30 Grad zeigte der Garmin für fünf bis sechs Stunden an. Wahrgenommen habe ich das in dem Moment kaum, da der Himmel bedeckt war und die Sonne meist hinter den Wolken verschwand. Im Nachhinein betrachtet hat mich genau das ordentlich “gegrillt”, vermutlich verbunden mit einer zu geringen Trinkmenge in dieser Phase.

In der Abfahrt Richtung Sterzing entwickelte sich ein kleines Duell mit einem italienischen Fahrer, der sich hartnäckig in meinem Windschatten hielt. In Sterzing trennten sich schließlich unsere Wege. Er weiter Richtung Brixen, ich rechts ab in den nächsten Gegenanstieg. Oberhalb von Sterzing gab es dafür einen wirklich schönen Ausblick als Belohnung.

Innsbruck zu Füßen.
Und ab nach Bella Italia.
Gegenanstieg in Sterzing.
Da kommt Freude auf!

Der Jaufenpass: Keine Brunnen mehr, aber viel Schatten

Am Kreisverkehr, wo offiziell der Jaufenpass beginnt, ging es hinauf. Ein Anstieg, bei dem eine wichtige Neuigkeit auffiel. Die beiden früheren Brunnen entlang der Strecke sind nicht mehr intakt. Bei 16 Kilometern Länge ein Punkt, den man auf dem Schirm haben sollte und mit gut gefüllten Flaschen in den Anstieg zu starten, ist hier Pflicht.

Positiv überrascht hat mich der Straßenzustand: Die Auffahrt von der Sterzinger Seite ist mittlerweile fast genauso gut asphaltiert wie die Abfahrt Richtung St. Leonhard, mit vielen neu geteerten Abschnitten. Trotz Hitze, überholenden Motorrädern und Autos ließ sich der Anstieg gut bewältigen und nicht zuletzt, weil der Jaufenpass viele bewaldete Abschnitte bietet, die immer wieder für Schatten und eine kurze Abkühlung sorgen. Oben ein schnelles Erinnerungsfoto, dann ging es in die Abfahrt. Strave sagte übrigens “Neuen PR für Passo Giovo”.

Die Abfahrt Richtung St. Leonhard zählt für mich zu den schönsten der Strecke. Sie ist verspielt und kurvenreich, fast wie eine Achterbahnfahrt. Diesmal etwas gebremst durch mehrere Autos, bis im mittleren Abschnitt ein Lamborghini die Straße freimachte. Die übrigen Fahrzeuge machten bereitwillig Platz, sodass sich im Windschatten des Sportwagens gemeinsam mit ähnlichem Tempo talwärts fahren ließ. In St. Leonhard wurden am Brunnen zügig die Flaschen aufgefüllt. Zu diesem Zeitpunkt war der Körper bereits deutlich gezeichnet.  Die Ressourcen spürbar aufgebraucht, wenn auch glücklicherweise noch ohne Krämpfe.

Das Timmeljoch wartete mit "bestem" Wetter.

Verpflegungsstopp: Apfelschorle, Linzer Schnitten und die Cola als Highlight

Im Supermarkt in St. Leonhard gab es das bewährte Programm. Eine schnelle Apfelschorle, Linzer Schnitten und eine Cola für die Trikottasche , seit einigen Jahren fester Bestandteil meiner Verpflegungsstrategie. Die Cola wird bewusst als kleines Highlight den ganzen weiteren Anstieg über mitgeführt, um sie sich dann umso mehr schmecken zu lassen. Ein kurzer Moment im Schatten, tief durchatmen, verpflegen und dann ging es weiter.

Das Timmelsjoch: Der lange letzte Brocken

Mit der typischen Euphorie nach einer kurzen Pause und entsprechend hohen Wattzahlen startete der erste Teil des Timmelsjochs mit 29,5 Kilometern und 1.750 Höhenmetern ein echtes Brett. Mental unterteile ich diesen Anstieg traditionell in Abschnitte bis Moos, von Moos bis Schönau, und dann der letzte Rest. Diese Strategie hat auch diesmal gut funktioniert, trotz Erschöpfung und Hitze, die weiterhin ihren Tribut forderte. Das Wissen, dass es ab Moos spürbar kühler wird, half dabei, durchzuhalten.

Ein klarer Nachteil einer Fahrt außerhalb des Rennbetriebs im normalen Straßenverkehr. Allein am Timmelsjoch gab es drei Ampeln, alle rot. Insgesamt war es ein Tag mit fast ausschließlich roten Ampeln, nur ein einziges Mal stand die Ampel auf meiner Seite. Das kostet jedes Mal Zeit und Schwung, gehört an solchen Tagen aber einfach dazu.

In Schönau angekommen zogen dichte, dunkle Wolken auf, die Sorge vor Regen war entsprechend groß. Nach der Cola-Pause folgte der letzte Abschnitt des Timmelsjochs, und die positive Überraschung. Trotz dichter Bewölkung blieb es komplett trocken. Oben auf dem Pass war es mit geschätzt rund 10 Grad merklich frisch. Ein kurzer Stopp, dann ging es in die finale Abfahrt.

Die letzten Kilometer: Kühe, Tempo und das Ziel vor Augen

Auch die Abfahrt vom Timmelsjoch Richtung Mautstation verlangte volle Aufmerksamkeit, erneut waren Kühe und Schafe auf der Strecke unterwegs, diesmal ausgerechnet in einer Welle bei über 100 km/h. Wieder hieß es: abbremsen, den eigenen Rhythmus finden und aktiv weiterkurbeln statt nur rollen zu lassen. Bei Tempo 80 lohnt sich das Mittreten ohnehin nicht, hier gilt es, Geduld zu haben und den Schwung optimal mitzunehmen, bevor man wieder aktiv einsteigt.

Nach der Mautstation die letzten Kehren hinunter bis Zwieselstein und geschafft. Eine wirklich starke Ötztaler-Runde, die mir noch einmal deutlich vor Augen geführt hat, worauf unsere Athletinnen und Athleten sich in den kommenden Tagen einstellen dürfen. Genau das war auch das Ziel: die Strecke selbst zu fahren, um beim Treffen am Freitag mit aktuellen Infos zur Streckensituation dienen zu können.

Kurbeln Kehre für Kehre am Timmelsjoch.
2km vor dem Tunnel sind Asphaltarbeiten.
Back in Austria.
Passo Rombo im Sack!

Fazit und Ausblick aufs nächste Jahr

Endzeit: 11:15 Stunden. Eine solide Runde, bei der es für das kommende Jahr aber noch Potenzial gibt. Drei Punkte nehme ich konkret mit:

  • Watt-pro-Kilogramm-Verhältnis verbessern
    Hier liegt der größte Hebel für eine schnellere Zeit.
  • Anreise überdenken
    Erst einen Tag vor der Runde anzureisen, ist vermutlich nicht optimal, um die volle Leistungsfähigkeit abrufen zu können.
  • Lange Einheiten in den letzten vier bis sechs Wochen
    Sechs bis acht Stunden in den Bergen, um gezielt Ermüdungsresistenz aufzubauen und der Erschöpfung auf den langen Anstiegen besser entgegenzuwirken.

Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Jahr am Ötztaler Radmarathon.

Sportliche Grüße,
Kenny

***Noch ein Exkurs für die Zahlenfreunde von der Solo-Runde zum Rennen.

Ich bin die Runde in 11:14h gefahren. Dabei mit 212W NP. Das hätte laut Pacingstrategie für unter 10h gereicht. Das zeigt aber auch, wie dynamisch der Tag ist. 

Der Zeitunterschied entsteht hauptsächlich aus:

  • Anstiege:
    Kaum Windschatteneffekt. Aber hohe psychische Motivation in der Gruppe.
  • Talverbindungen (25-30km):
    Hier ist der Windschatten in einer Gruppe brutal effektiv 30–35 % geschätzt 10–20 Minuten.
  • Abfahrten:
    Auf gesperrter Strecke fährst du Kurven und Kuppen aggressiver, ohne Gegenverkehr, parkende Autos oder Unsicherheit. Schätzung: 10–20 Minuten über alle vier Abfahrten.
  • Ampeln, Kreuzungen, Ortsdurchfahrten, Navigation/Unsicherheit:
    Auf 227 km im normalen Verkehr sammelt sich das. Kurze Stopps, Vorsicht bei Kreuzungen, evtl. kurz falsch abgebogen. Realistisch 10–15 Minuten.
  • Verpflegung:
    Offizielle Verpflegungsstationen mit Flaschen sind deutlich schneller als eigene Stopps am Brunnen. 5–15 Minuten.
  • Pacing-Effekt:
    Ein Rennen mit Konkurrenten, Zielen und Renn-Adrenalin führt bei den meisten zu einer etwas saubereren, härteren Pacing-Strategie. 

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