Grandiagonal Portugal: Meine 43 Stunden durch Hitze, Nacht und mentale Grenzen
Du hast den ersten Teil verpasst? Dort erfährst du, wie ich mich mit Heat Training, Nachtfahrten und gezielter Trainingssteuerung auf dieses Ultracycling-Abenteuer vorbereitet habe. Teil 1
Ein Ultracycling-Rennen, das mich verändert hat.
Es gibt Rennen, die fährt man. Und es gibt Rennen, die einen verändern.
Das Grandiagonal Portugal gehört für mich definitiv zur zweiten Kategorie.
Unsupported. Nonstop. Auf sich allein gestellt.
Die Aufgabe:
Portugal einmal diagonal zu durchqueren! Von Caminha im Nordwesten bis nach Vila Real de Santo António im Südosten. Über 1.000 Kilometer, unzählige Höhenmeter und mehr als 40 Stunden auf dem Rad.
Der Start: Vom Polizeikonvoi direkt in den Rennmodus
Um 9 Uhr morgens fiel der Startschuss.
Die ersten rund 20 Kilometer wurden wir von der Polizei aus der Stadt begleitet. Ein besonderer Moment und fast wie bei einem Profirennen. Die Straßen waren frei und die Stimmung großartig.
Doch kaum war die Eskorte vorbei, begann der Ernst des Rennens.
Brutale Anfangsphase statt kontrollierter Auftakt
Die ersten Kilometer hatten mit einem ruhigen Beginn nichts zu tun.
Von Anfang an wurde ein enorm hohes Tempo angeschlagen. Auch die Abfahrten wurden extrem aggressiv gefahren und auf Windschattenregeln nahm nicht jeder Rücksicht.
Viele Fahrer investierten hier bereits sehr viel Energie. Ich entschied mich bewusst für einen anderen Weg.
Am Berg fuhr ich mein eigenes Tempo, auf den Geraden blieb ich konstant und die Abfahrten absolvierte ich zügig, aber ohne unnötiges Risiko.
Das sorgte nicht bei allen für Begeisterung. Doch genau das ist Ultracycling.
Man gewinnt kein Rennen in der ersten Abfahrt. Entscheidend ist, über viele Stunden konsequent sein eigenes Pacing durchzuziehen. Nach rund 80 Kilometern nutzte ich einen längeren Anstieg, schloss die Lücke zur Spitze und übernahm ab Kilometer 130 die Führung. Nicht, weil ich überzog. Sondern weil mein Plan funktionierte.
40 Grad – die eigentliche Konkurrenz
Schon nach wenigen Stunden war klar: Der größte Gegner würde nicht das Fahrerfeld sein. Sondern die Hitze.
Bis zu 40 °C, permanenter Flüssigkeitsverlust und ein enormer Bedarf an Wasser und Elektrolyten machten jede Entscheidung wichtig.
Das Heat Training aus der Vorbereitung zahlte sich aus. Trotzdem bleibt eine solche Dauerbelastung körperlich und mental extrem anspruchsvoll.
Portugal begeistert und fordert
Die Strecke war beeindruckend. Endlose Landschaften wechselten sich mit kleinen Dörfern und ständig neuen Anstiegen ab. Doch die Schönheit hatte ihren Preis. Immer wieder warteten:
– steile Kopfsteinpflaster-Passagen
– kurze, giftige Rampen
– stetig steigende Höhenmeter
Portugal zeigte an diesem Tag beide Seiten.
Checkpoint 1: 260 Kilometer und 5.000 Höhenmeter
Nach rund zehn Stunden erreichte ich als Führender den ersten Checkpoint.
Auf dem Tacho standen:
– 260 Kilometer
– 5.000 Höhenmeter
Der Stopp fiel bewusst kurz aus.
Ein Sandwich, Cola, Wasser auffüllen und weiter. Denn das Rennen hatte gerade erst begonnen.
Die erste Nacht – endlich kühlere Temperaturen
Ich freute mich bewusst auf die Nacht. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern wegen der sinkenden Temperaturen. Checkpoint 2 erreichte ich weiterhin in Führung. Vor dem größten Anstieg gönnte ich mir noch einen Espresso. Eine kleine Entscheidung, die später Gold wert war.
Dann begann ein langer Anstieg mit rund 1.000 Höhenmetern. Oben angekommen zeigte das Thermometer plötzlich nur noch 10 Grad. Für die Abfahrt wechselte ich direkt in die Regenjacke. Die Geschwindigkeit war in der Dunkelheit zwar begrenzt, dafür lief alles weiterhin genau nach Plan.
Nach 20 Stunden kommt der erste Einbruch
Nach etwa 480 Kilometern und rund 10.000 Höhenmetern wurde die Müdigkeit spürbar. In der Morgendämmerung entschied ich mich deshalb für einen kurzen Schlaf in einer Bushaltestelle.
Mein Vorsprung schrumpfte dadurch von rund 50 Minuten auf wenige Minuten. Bei Kilometer 530 legte ich eine Frühstückspause ein. Kurz darauf erreichte auch mein direkter Verfolger den Kontrollpunkt.
Wir tranken gemeinsam einen Kaffee und wechselten ein paar Worte. Danach fuhren wir über mehrere Stunden in Sichtweite.
Ein stilles Duell.
Oder vielleicht auch gegenseitige Motivation.
Drei Platten und ein mentales Tief
Dann kamen die Rückschläge. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich drei Reifendefekte. Jeder einzelne kostete Zeit, Energie und Konzentration.
Bei etwa Kilometer 700 folgte schließlich das größte Tief des Rennens. Ich war nicht müde. Aber ich konnte einfach keine Leistung mehr erzeugen. Jeder Tritt fiel schwer und ich musste mich immer wieder neu motivieren.
Checkpoint 3 erreichte ich bereits mit einer Stunde Rückstand. Trotzdem hielt ich an meinem Plan fest. Nicht die Platzierung war jetzt entscheidend. Sondern sauber weiterzufahren.
Die zweite Nacht – jetzt zählt nur noch der Kopf
Ich fand langsam wieder meinen Rhythmus. Doch die Reifen machten weiterhin Probleme. Etwa alle 30 Kilometer musste ich Luft nachpumpen. Immer wieder wurde mein Fokus unterbrochen. Aufgeben war trotzdem nie eine Option.
Die härtesten 150 Kilometer meines Lebens
Vor mir lagen noch 150 Kilometer. Mein Garmin zeigte zunächst rund 700 Höhenmeter an. Am Ende wurden daraus fast 2.000 Höhenmeter. Diese letzten sechs Stunden fühlten sich länger an als das gesamte Rennen zuvor.
Ich kämpfte mit:
– extremer Müdigkeit
– Halluzinationen
– Problemen bei der Nahrungsaufnahme
Und dann passierte etwas völlig Unerwartetes.
Ein freilaufender Hund nahm die Verfolgung auf.
So kurios es klingt, genau das war der Moment, der mich wieder hellwach machte.
Die letzten Kilometer
Plötzlich waren es nur noch 30 Kilometer bis ins Ziel. Die Müdigkeit rückte in den Hintergrund. Ich konnte wieder Druck auf das Pedal bringen. Die Anspannung fiel ab.
Ich wusste: Ich werde dieses Rennen beenden.
Platz 2! Aber viel mehr als nur ein Ergebnis
Nach 43 Stunden und 9 Minuten erreichte ich das Ziel.
Am Ende stand:
– 🥈 Platz 2
– 43:09 Stunden Fahrzeit
Viel wichtiger als das Ergebnis war für mich jedoch etwas anderes.
Mein gesamter Rennplan ist aufgegangen.
– konsequentes Pacing
– minimale Standzeiten
– nur 4 Stunden und 25 Minuten Gesamtpause, trotz der drei Platten
Genau so hatte ich mir das Rennen vorgestellt.
Mein Fazit zum Grandiagonal Portugal
Das Grandiagonal Portugal war weit mehr als ein Ultracycling-Rennen. Es war eine Reise durch ein beeindruckendes Land, ein Test für Körper und Kopf und eine Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde.
Portugal hat mich mit atemberaubenden Landschaften, hervorragendem Kaffee, gutem Essen und unglaublich herzlichen Menschen begeistert. Am Ende bleiben weder die Zeit noch die Platzierung am stärksten in Erinnerung.
Sondern das Gefühl, etwas erlebt zu haben, das weit über ein Radrennen hinausgeht.
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Sportliche Grüße
Sebastian
Du hast den ersten Teil verpasst? Hier findest du alles zu den Nachtfahrten, HEAT-Training und Trainingssteuerung: Grandiagonal Portugal Teil 1