Mittlerweile ist das Jahr 2024 Vergangenheit und ich lasse so manche Rad-Erlebnisse des Jahres Revue passieren. So auch mein Highlight Rennen der Saison, das Race across Germany von West nach Ost. Genau genommen ging es von der Aachener Innenstadt einmal quer durch die Republik bis an die Blaue Lagune nach Görlitz.
Heute werde ich euch von meinem ersten Ultra-Distanz Rennen erzählen, was mein Antrieb war, welche Schwierigkeiten es gab und meine Learnings daraus.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und mitfiebern!
Was ist das Race across Germany?
Es handelt sich hierbei um ein Ultra-Distanz Radrennen bei dem es quer durch Deutschland geht. Es stehen hier verschiedene Strecken und Distanzen zur Auswahl. Die zwei bedeutendsten sind die Strecken von Nord nach Süd(1100km) oder die von West nach Ost (800km). Bei beiden Strecken gibt es auch noch verkürzte Varianten.
Das Rennen kann man alleine oder im Team bestreiten, genauso gibt es die Option als Supported oder Nonsupported ins Rennen zu gehen.
Vorbereitung
Was war eigentlich meine Motivation hier an den Start zu gehen? Ich wollte, nach unzähligen kleineren und mittleren Distanzen (unter anderem Mallorca312, ein Everesting und der Ötztaler), unbedingt einmal meine physischen und mentalen Grenzen kennenlernen. Somit war klar, ich muss mir ein Event aussuchen welches länger als 12h andauert.
Die Recherche begann und ich bin dann auch ziemlich schnell auf das Race across Germany gekommen. Die kurze Anreise und die Topografie der Route waren unter anderem ein Grund, denn mit knapp 8000hm auf 800km kann man als Anfänger im Ultra-Cycling ganz gut leben.
Kaum war die Anmeldung raus, habe ich auch den GPX File für die Strecke bekommen und mich an die Planung der Verpflegungsmöglichkeiten und die Rennstrategie gemacht. Ich habe mich in der Nonsupported Kategorie angemeldet gehabt und war somit auf mich allein gestellt was die Verpflegung anging. Auf der Strecke hatte ich mir somit meine fixen Stopps zurecht gelegt und die Speicher aufgefüllt. Da es erlaubt war zweimal von Freunden und Familie auch als Nonsupported Fahrer versorgt zu werden und ich mit einer Rahmentasche und einem Trinkrucksack bewaffnet war, hielten sich die Stopps im angemessenen Rahmen.
In der Trainingsvorbereitung lag der Fokus auf der Optimierung des Fettstoffwechsels und somit der Ausdauerfähigkeit. Den Winter über habe ich viel mit Krafttraining und langen Ausfahrten (auch auf der Rolle) verbracht. Wochen mit 15+ Trainingsstunden waren hier keine Seltenheit. Früh im Jahr ging es für mich dann ins Trainingslager auf Mallorca wo ich 10 Tage ordentlich Kilometer und Höhenmeter gesammelt habe. Ein großer Belastungsblock war somit schon Anfang März in den Beinen.
Des weiteren habe ich einige 300+ km Touren hinter mir wodurch ich auch meine mentalen Eigenschaften stärken wollte. Auf dem Plan standen dann auch Trainings zu völlig ungewohnten Zeiten, so wurde auch mal erst um 21:30 Uhr ins Training gestartet und die ganze Nacht durchgefahren. Dadurch konnte ich nicht nur meinen Körper testen sondern auch das ganze Equipment.
Das ist auch mein nächster Punkt.
Die Ausrüstung:
Als Nonsupported Fahrer hast du nicht die Möglichkeit deine Räder während des Rennens zu wechseln (im supported Bereich darfst du jederzeit dein Rad wechseln, da dein Team ständig hinter oder vor dir herfahren muss und somit immer in unmittelbarer Nähe vom Fahrer ist). Somit musst du dir Gedanken machen mit was für einem Rad gehe ich an den Start. Nehme ich das Zeitfahrrad welches auf den langen flachen Stücken richtig Vorteile bietet und an den wenigen Anstiegen durch das höhere Gewicht Nachteile bringt oder nehme ich das leichte Bergrad welches jedoch eine schlechte Aerodynamik hat? Ich entschied mich für mein Aero Renner, ein Cube Litening c68X Aero. An diesem habe ich noch den Lenker umbauen lassen, sodass ich auch Auflieger auf den Aero-Lenker montieren konnte. Somit habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und einen guten Kompromiss geschaffen. An der Übersetzung habe ich nichts verändert und bin mit der 52/36 zu 11/34 gut gefahren, da eh keine allzu steilen Rampen dabei waren und die Höhenmeter für die Distanz gering waren. Meine Alltags-Laufräder mit Tubeless Reifen haben sich immer bewährt, so war klar…hier verändere ich nichts außer ein paar neue Pneus aufzuziehen. Funfact: Morgens vor dem Start fuhr ich vom Hotel zur Startlinie und habe mir erst einmal einen schönen Cut in den neuen Reifen gefahren (ich liebe Innenstädte mit dem feiernden Volk und den Glasscherben). Ein Tubeless-Reparatur-Kit hatte ich dabei und somit wurde vor dem Startschuss noch schnell der Reifen geflickt.
Ich hatte eine große Rahmentasche und eine kleine für das Oberrohr mit an Bord, darin wurde die Verpflegung in fester Form verstaut und auch eine Powerbar um evtl. elektronische Geräte zu laden. Zusätzlich zu den Trinkflaschen am Rad hatte ich noch einen Trinkrucksack, sodass ich mit den knapp 4 Litern möglichst weit komme und die Stopps minimiere.
Das Lichtsetup hatte ich bereits auf meiner Nachtfahrt gut testen können und wusste somit dass meine Lampen nicht die ganze Nacht durchhalten werden. Deshalb war ich mit einem zweiten Satz Lampen unterwegs. Was sich auch gut gemacht hatte, war die zusätzliche Stirnlampe, die bot Sicherheit auf der völlig unbekannten Strecke bei vollkommener Dunkelheit. Grundvoraussetzung waren auch reflektierende Klebestreifen am Rad und eine Warnweste die getragen werden musste.
Zum Thema Bekleidung: hier war ich recht pragmatisch unterwegs, da zum Glück sehr milde bis warme Temperaturen vorhergesagt waren. Jedoch war auch sehr viel Regen und ein Unwetter angekündigt. Deshalb bin ich morgens mit den Latex-Überschuhen und einer Regenjacke am Start gestanden.
Das Rennen:
Da meine Startzeit für 8:30 Uhr angesetzt war, stellte ich mir meinen Wecker auf 6 Uhr um noch einmal ausgiebig und in Ruhe zu frühstücken. Die Nacht verlief sehr gut, somit stand ich ausgeschlafen, gut genährt und mit einer leckeren Tasse Kaffee intus am verregneten Start.
Den kleinen Aufreger mit dem Platten vor Beginn des Rennens hatte ich schnell verdaut. Was ich spürte war dann eine leichte Aufregung und Vorfreude auf das Rennen.
Der Startschuss wurde gegeben, also ging es los in meine erste Ultracycling Erfahrung.
Zu Beginn war die Herausforderung schnell aus der Aachener Innenstadt heraus zu kommen. Leider wurde die Fahrt durch die vielen Roten Ampel und den dichten Verkehr sehr zäh. Man kam so gar nicht in seinen Rhythmus rein, da man ständig anhalten musste.
Nachdem man die Stadt verlassen hatte ging es leicht hügelig in Richtung Rhein, wo schon die nächste große Stadt (Bonn) auf einen wartete. Ich als Landmensch habe immer leichten Stress im Stadtverkehr zurecht zu kommen und wundere mich jedes Mal wieviel Ampel eigentlich rot sein können. Da es mittlerweile aufgehört hatte zu regnen, nutzte ich eine kleine Pinkelpause um auch meine Regenjacke abzulegen. Dies stellte sich jedoch als Fehler heraus da die Regenpause nur sehr kurz war., also Regenjacke wieder an und weiter.
Nach dem Kampf durch die Stadt ging es an die meisten Höhenmeter der Strecke durch den Westerwald, hier wurde das Wetter allmählich besser, sogar die Sonne zeigte sich so langsam. Nach ca. 8h und 215km bin ich in Herborn angekommen, wo ich meinen ersten größeren Stopp geplant hatte. Hier habe ich meinen Flüssigkeitsvorrat und die restliche Verpflegung (Haferkeckse, Gummibärchen und belegte Brötchen) aufgefüllt. Nach knapp 10min Standzeit ging es auch schon weiter in Richtung erster Timestation, bei der man den Veranstalter über die Ankunftszeit und seiner Verfassung informieren muss. Hier habe ich dann gleich die Chance genutzt und meine Speicher für die Nacht aufgefüllt. Gleichzeitig ist hier auch der Startort für die Light-Version von diesem Rennen. Also wenn Ihr noch nicht bereit für die volle Distanz seid, dann könnt Ihr hier die abgekürzte Version starten.
Es warteten nun noch 460km auf mich und es ging so langsam in die Nacht hinein. Die Sonne ging langsam unter und ich kämpfte mich weiter durch die leicht hügelige Landschaft. Auf der Ebene konnte ich gut meine Komfortable Position auf den Aufliegern fahren und war so sehr Aerodynamisch unterwegs. Als die Sonne ganz verschwunden war zog ich mir noch meine Windweste an, kurzes Trikot war durch die echt warmen Temperaturen auch noch Nachts kein Problem. Es war einfach herrlich durch die Nacht, auf den ruhigen Nebenstraßen zu fahren. Nur du, deine Gedanken und dein Fahrrad. Hier müsst Ihr Mental wirklich bei der Sache sein, gerne kann man sich hier mit Musik weiterhelfen, was ich auch tat.
So gegen 22 Uhr muss es gewesen sein, als ich anhielt und mir das erste mal genüsslich ein Koffeinhaltiges Getränke zuführte. Bis dahin war ich komplett ohne Koffein unterwegs und dies gab mir somit einen richtigen Push der mich durch die Nacht getragen hat. Apropos getragen, mitten in der Nacht, es war 2 Uhr, kam ich an eine Baustelle. Da ich mich nicht auskannte und es Stockfinster war wollte ich keine Umleitung fahren und beschloss die Baustelle so zu durchqueren. Tiefer loser Schotter und Sand hinderten mich aber und ich fiel um. Mit einem angekratzten Knie und dem Fahrrad auf der Schulter lief ich also durch die Baustelle durch. Dadurch sparte ich mir sehr viel Zeit und eine Umleitung bei der ich den Weg nicht kannte und in der Nacht auch nicht erproben wollte.
Als um 5 Uhr die Sonne langsam begann aufzusteigen wurde ich tatsächlich ein wenig müde. Ich habe über einen Zeitraum von 30min. wirklich mit mir kämpfen müssen. Halte ich an und mache ein Powernap oder ziehe ich durch und schaffe es vielleicht diesen punkt zu übertrumpfen? Das Polster nach hinten war aufjedenfall da, was die Entscheidung nicht vereinfachte. Aber meine Hoffnung den vor mir liegenden eventuell doch noch einzuholen pushte mich mehr. So machte ich einen kurzen Kaffee-Stopp und es ging weiter.
Es lagen noch ca. 180km vor mir und der Tag startete richtig gut mit viel Sonne, ziemlich schnell wurde es warm und die Müdigkeit war auch vergangen. Motivationsschübe gab es dann auch noch durch die Gespräche mit meiner Frau oder dem Telefonat mit Chef-Motivator Laurin.
Es war jedoch hinten raus ein ziemlicher Kampf noch Kraft aufs Pedal zu bekommen, ich war zwar nicht langsam unterwegs aber es war einfach alles schwergängiger als noch ein paar Stunden zuvor. Die Belastung war also deutlich spürbar, dennoch war ich noch lang nicht am Ende!
Ich fuhr weiter und weiter bis ins Gewitter hinein. Kurz fragte ich mich, unterstellen oder weiter fahren? Da es nicht kalt war und ich nur noch 40km vor mir hatte, zog ich wieder einmal meine Regenjacke an und zündete nochmal den Turbo. Die restlichen flachen Kilometer vergingen schnell da meine Gedanken an richtiges Essen, eine Duschen und ein Bett mich beflügelten. Vorallem war ich glücklich dass ich mir mein selbst gestecktes Ziel, das Rennen in unter 30 Stunden zu absolvieren, schaffen werde.
Das tat ich schlussendlich auch, gebraucht habe ich inklusive aller Standzeiten 29h25min. Das sicherte mir Platz 2 in meiner Kategorie Nonsupported -50 und Platz 3 Gesamt. Ehrlich gesagt habe ich vorher nie mit diesem Ergebnis gerechnet, da es mein allererstes Ultra-Distanz Rennen war und ich keinerlei Erfahrung auf der Langstrecke hatte. Für mich war die Devise, ausprobieren, spontan Entscheidungen treffen und einfach durchziehen.
Ich hoffe dass ich euch hier einen guten Einblick verschaffen konnte und ich euch Motivation mitgeben kann, so dass auch Ihr solche Herausforderungen annehmt!
Ich kann nur sagen, traut euch, probiert es aus und zieht es durch. Es wird euch definitiv bereichern und euch aufzeigen was in euch steckt.
Bei Fragen könnt Ihr gerne auf mich zukommen,
herzliche Grüße euer Sebastian.